Besser leben - Doro Raht

Weniger Stress im Alltag – eine Frage der Haltung?

Viele Menschen, insbesondere Frauen mit Kindern, haben ein immenses Arbeitspensum. Im Zuge der neuen Welle von Wohlfühlmagazinen, wird oft geraten die Haltung zu verändern und sich mehr zu entspannen. Wenn aber alles zu viel ist, nützt allein der Versuch sich zu entspannen auf die Dauer nichts, um weniger Stress im Alltag zu haben.

 

“Ich mach mir immer so viel Stress, ich glaub ich muss an meiner Einstellung arbeiten. Vielleicht fang ich mal mit Yoga oder Meditation an?”, erzählte mir jüngst eine Freundin. Eine entspannte Lebenshaltung, weniger Perfektionismus, Entspannungstechniken sowie regelmäßige Bewegung sind wichtige Aspekte für ein zufriedeneres, ausgeglicheneres und gesünderes Leben und helfen gegen negativen Stress – keine Frage.

Als ich sie fragte, was sie denn so mache an einem üblichen Wochentag, zählte sie etwas auf, was insbesondere für Frauen, kein seltener Tagesablauf ist: die Kinder wollen versorgt, mit Frühstück, Kleidung und gepacktem Rucksack rechtzeitig bei Schule oder Kindergarten abgeliefert werden. Danach die Hetze zur Arbeit und viele Stunden anspruchsvolle stressige Tätigkeit dort, im Anschluss noch auf dem Rückweg die Anzüge aus der Wäsche abholen, einkaufen und ein Geburtstagsgeschenk für die Mutter des Mannes kaufen, Abendessen machen, Kinder mit Gutenachtgeschichte ins Bett bringen, Geschirrspülmaschine ausräumen – und dann gern noch ein paar Sonnengrüße oder Sit-Ups machen oder gar mal wieder mit dem Mann etwas für die Beziehung tun und ausgehen, wenn es eine Kinderbetreuung gibt. Naja, und nachts aufstehen, wenn eins der Kleinen nicht schlafen kann.

Zu viel ist keine Frage der Haltung

Nur leider sei meine Freundin dann manchmal so gestresst oder gar zu faul, um noch Sport zu machen – ein Problem ihrer Einstellung. Ganz ehrlich: das ist auch einfach viel zu viel zu tun und eine Frage des Arbeitspensums nicht der Einstellung dazu! Die Gesellschaft, die Medien, die Wirtschaft und wir selber meinen all dies schaffen zu müssen. Etliche Magazine vermitteln uns, dass wir dabei auch noch allzeit schlank, beweglich, entspannt, gut gelaunt, gelassen und erfolgreich sein sollen – und dies sind nicht nur klassische Frauenzeitschriften. Stress ist laut einigen Blogs und Magazinen, die sich mit Achtsamkeit/Mindfulness und Yoga beschäftigen (eigentlich tollen Ansätzen) das persönliche Problem oder Scheitern, statt Ausdruck einer überfordernden Welt.

Aufgaben abgeben

Erlauben Sie sich gestresst oder wütend zu sein, überfordert oder vermeintlich faul. Machen Sie eine realistische Einschätzung Ihres Arbeitspensums und schauen Sie, ob nicht andere auch etwas übernehmen können, dass Sie immer erledigt haben. Kann Hausarbeit besser geteilt werden? Muss man wirklich beim Geburtstag auch noch für alle kochen oder kann man einfach mal zusammen Essen gehen?

Können Freunde eingespannt werden oder Fahrgemeinschaften mit anderen Eltern für die Kinder gebildet werden? Bei solchen Prozessen werden Sie viel Solidarität und Unterstützung erleben, was ein wunderbares Gefühl ist. Aber es werden auch durchaus Konflikte entstehen. Wenn man immer etwas für andere erledigt hat und diese sollen es nun selber machen oder sich beteiligen, ist der Frieden oftmals erst erheblich gestört. Statt zu lernen sich zu entspannen, lernen Sie nun sich Durchzusetzen! Diese Auseinandersetzungen sind sehr wichtig für alle Beteiligten und eine wertvolle Investition in eine tatsächlich entspanntere Zukunft.

Zeit für sich einfordern

Planen Sie eine machbare feste Zeit für Dinge ein, die Sie für sich machen möchten, wie z.B. Sport oder ein Treffen mit einer Freundin und holen Sie sich Unterstützung von Ihrer Familie, die Ihnen diese Zeit verbindlich freihält. Waren Sie bisher immer für Ihre Kinder ansprechbar und machen nun z.B. für 15 Minuten täglich ein Nicht-Stören-Schild an die Tür, um in Ruhe Meditieren zu können, kann auch dies durchaus zu deutlichem Widerstand und Konflikten führen. Haben Sie kein schlechtes Gewissen: auch diese Auseinandersetzungen sind sehr wichtig. Kinder lernen hierbei, nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen anzuerkennen, sondern auch die ihrer Mitmenschen. Außerdem sind Sie so ein Vorbild an gelebter Selbstfürsorge – etwas dass Sie sicher gerne weitergeben möchten.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg auf dem Weg zu nachhaltig weniger Stress im Alltag und unterstützen Sie gern dabei!

Fotoquelle: (c) iStock.com/Kerkez


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Janina Pollak

MMag. Janina Pollak

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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