Besser leben - Sabine Otremba

Verletzlichkeit zeigen – lohnt sich das?

Verletzlichkeit oder Coolness? Da wählen wir wohl lieber die Coolness. Schließlich wollen wir selbstbewusst, leistungsfähig und souverän wirken. Dabei ist es ausgerechnet die Verletzlichkeit, die ein Schlüssel zu einem Leben mit Tiefgang sein kann. Mehr noch: Ein Leben, in dem wir uns anderen verbunden fühlen, ist ohne Verletzlichkeit nicht möglich ist.


„Dass die immer alle weinen“, monierte Fußball-Experte Oliver Kahn unlängst in der Halbzeitpause des Champions League Finales. Tränen des Anstoßes kamen ausnahmsweise einmal nicht von Cristiano Ronaldo. Der seit jeher so nah am Wasser gebaut ist, dass er schon als Kind den Spitznamen „Heulsuse“ innehatte, wie seine Mutter einst in einem Interview verriet. Verletzlichkeit ist, nicht nur im Fußball, ein sensibles Thema. Tränen der Freude oder der Enttäuschung behalten wir am liebsten für uns. Weil wir uns lieber cool und souverän geben und Hilfsbedürftigkeit, Unsicherheit oder Nervosität hinter einem Witz oder einem flapsigen Spruch verstecken. Gut möglich, dass wir das eines Tages bereuen werden.

Gefühle zeigen – besser spät als nie

In ihrem Buch, „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ berichtet die australische Palliativkrankenschwester Bronnie Ware nämlich darüber, dass viele ihrer Patienten am Ende trotz unterschiedlichster Lebensläufe Ähnliches bedauern. Etwa, dass sie lieber weniger gearbeitet oder sich mehr Freude gegönnt hätten. Viele ihrer Patienten sagten zudem:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“

 

Kein Plädoyer fürs Pokerface. Und ein Geständnis, das zeigt, dass es durchaus kein Zeichen von Schwäche ist, wenn wir unsere verletzlichen Seiten offenbaren. Im Gegenteil: Es erfordert Mut, wenn wir zu unseren verletzlichen Seiten stehen. In einer Zeit, in der Perfektion hoch im Kurs steht, sogar sehr viel Mut.

Mut zur Verletzlichkeit

Nichtsdestotrotz arbeitet die US-Autorin und Sozialwissenschaftlerin Brené Brown seit Jahren unermüdlich daran, eine Lanze für unsere verletzlichen Seiten zu brechen, die wir – leider! – am liebsten schamhaft verstecken. Denn im Lauf von Brené Browns jahrelangen Forschungen kristallisierten sich zwei Gruppen von Menschen heraus. Die, die sich geliebt und anderen Menschen verbunden fühlten und die, bei denen das eben nicht der Fall war.

Die Menschen, die sich geliebt fühlten und ihr Leben als erfüllt bezeichneten, gaben an, dass sie ihre Unzulänglichkeiten nicht schamhaft verbergen und keine Maske der Perfektion zur Schau tragen müssten. Sie bewiesen mit ihrem Mut zur Unvollkommenheit auch Mut zur Verletzlichkeit. Sie traten den Unsicherheiten des Alltags nicht nur ohne Pokerface entgegen, sondern ließen sich auch aufs Leben ein, ohne Netz und doppelten Boden. [1]Denn wenn wir ehrlich sind, lauern die Verletzungen überall.

  • Beim Flirt oder Smalltalk,
  • wenn wir um Hilfe oder Verzeihung bitten,
  • wenn wir einem Menschen unsere Sympathie bekunden,
  • sobald wir etwas Neues beginnen,
  • oder wenn wir eine neue Idee vorstellen.

Was auch immer wir tun, wir riskieren, zurückgewiesen, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden, da wir nicht wissen können, wie unser Gegenüber reagieren wird.

Sichere Komfortzone und perfekte Fassade

Aus Angst vor Verletzungen könnten wir all das lassen. Wir behalten unsere Gefühle für uns. Tun unerwiderte Sympathie cool mit einem Schulterzucken ab, machen aber fortan nicht mehr den ersten Schritt. Wir fangen nichts an, weil wir es gleich perfekt können wollen. Oder gehen nur noch mit dem an die Öffentlichkeit, was Hand und Fuß hat. So machen wir uns ein Stück weit unangreifbarer – und für andere wenig greifbar.

Denn wo sollen sie ansetzen, wenn wir scheinbar alles im Griff haben, weder Angst noch Zweifel oder Schwäche zeigen? Vielleicht werden wir dafür bewundert, dass wir so tough sind. Liebe oder ein Gefühl der Zugehörigkeit können allerdings nur entstehen, wenn wir unsere verletzlichen Seiten nicht ausklammern. Denn: Je offener wir anderen gegenüber sind, desto offener können sie sich uns zeigen.

Warum wir es wagen sollten

Stellt sich die Frage: Sollen wir wirklich das Risiko eingehen, verletzt zu werden, nur um ein Gefühl der Zughörigkeit oder Verbundenheit zu spüren? Fragen wir Brené Brown, lautet die Antwort klar: ja. Auch die US-Psychologin Emily Esfahani Smith stellte in ihren Untersuchungen [2] fest, dass ein Gefühl der Zugehörigkeit zu anderen Menschen einer der Pfeiler für ein glückliches und sinnerfülltes Leben ist. Doch nicht nur das…

  • Wenn wir zu unseren Schwächen stehen und uns dem Gefühl stellen, nicht gut genug zu sein, entziehen wir dem den Nährboden. Wir plagen uns nicht mehr still und heimlich damit herum und das, was vor allem im Verborgenen wunderbar wuchert, sieht bei Tageslicht betrachtet oft nicht mehr so furchteinflößend aus.
  • Ganz nebenbei werden wir erleben, dass die Welt nicht untergeht, weil wir uns kurz lächerlich gemacht haben. Im Idealfall lachen wir einfach mit und nehmen den Spottdrosseln den Wind aus den Segeln. So stärken wir nicht nur die Verbundenheit untereinander, sondern auch unser Selbstwertgefühl.

Kurz und gut: Wenn wir uns trauen, auf Perfektion und aufgesetzte Coolness zu verzichten, werden wir erfahren, dass wir trotz unserer Schwächen gemocht werden. Vielleicht sogar gerade deswegen. Weil es die Kombination unserer Stärken und Schwächen ist, die uns einzigartig und liebenswert macht. Gehen wir also immer mal wieder mit gutem Beispiel vorangehen und beweisen Mut zur Verletzlichkeit. Tun wir es für uns. Und für unsere Mitmenschen.

Quellen:
[1] Ted.com: Brené Brown: „The Power of Vulnerability
[2] Emily Esfahani Smith: The Power of Meaning. Finding Fulfillment in a World Obsessed with Happiness (Broadway Verlag )

Fotocredits: iStock.com/jacoblund


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Janina Pollak

MMag. Janina Pollak

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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