Besser leben - Sabine Otremba

Aufmerksamkeit oder Standby-Modus?

Die Begriffe Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind seit Jahren so überstrapaziert und so fest in der esoterischen Ecke verortet, dass viele von uns genervt abwinken. Oder sofort an die unselige Rosinen-Übung denken, bei der wir uns einer Rosine so widmen sollen, als sähen wir sie das erste Mal. Schenken wir die Aufmerksamkeit lieber der Rosine oder dem Smartphone? Wer sich jetzt ganz selbstverständlich für die Rosine entscheidet, darf dieses Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit getrost ignorieren und zum nächsten Artikel übergehen.


Aufmerksamkeit – so aufregend wie eine Rosine?

Ich selbst habe bisher eher zum Smartphone gegriffen und das nicht nur, weil ich Rosinen generell nichts abgewinnen kann. Irgendwann drängte sich jedoch das Thema Aufmerksamkeit massiv in mein Bewusstsein. Ich hatte gerade das Paketklebeband verlegt (fand ich ein paar Tage später unter der Heizung) und das Nudelwasser zum Kochen gebracht, obwohl ich kurz zuvor Kartoffelschnitze in den Ofen geschoben hatte. Da wurde mir bewusst, dass ich gelegentlich wohl ein bisschen zu unaufmerksam durchs Leben gehe. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn es nur um verlegte Klebebänder oder ein sehr kohlenhydratlastiges Mittagessen ginge. Dummerweise steckt sehr viel mehr dahinter: Nämlich unsere gelebte Realität.

  • Jeder unserer Gedanken löst im Gehirn biochemische Reaktionen aus.
  • Das zieht entsprechende Gefühle nach sich.
  • Zudem entscheidet unsere Aufmerksamkeit darüber, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir darauf reagieren.

Wir tun also gut daran, unsere Aufmerksamkeit bewusst zu lenken – nur ist das heute schwerer denn je.

Reizüberflutung 2.0

Ein streng getakteter Alltag, eine durchorganisierte Freizeit, On- und Offline-Medien, alles buhlt und unsere Aufmerksamkeit. Auch unterwegs ist kein geistiger Leerlauf zu befürchten. Unser Zeitvertreib namens Smartphone steckt griffbereit in der Tasche und fordert, wie einst das Tamagotchi, regelmäßige Streicheleinheiten. Instagram, Facebook, Youtube – eine kleine Unterhaltung über WhatsApp oder ein paar Videoclips, die wir unbedingt weiterleiten müssen – unsere Aufmerksamkeit steht quasi unter Dauerbeschuss. Auch der ehemalige Google-Mitarbeiter James Williams gesteht: „Wenn ich mich kurz langweile, ziehe ich es aus der Tasche. Das wirft natürlich die Frage auf, was verkehrt daran sein soll, wenn wir lästige Wartezeiten mit ein wenig Ablenkung überbrücken? So ein bisschen Daddeln am Smartphone kann doch kaum ein Problem sein?

Alles hat einen Preis

Das kommt wohl darauf an, was es uns wert ist. Denn zum einen freut sich unser Gehirn über jede Pause, die es bekommen kann. Zum anderen gibt James Williams, der sich heute mit Aufmerksamkeitsökonomie und der Manipulationskraft von Apps beschäftigt, zu bedenken, dass wir einen Preis dafür zahlen, wenn wir ständig online sind. Denn:

Ablenkung, Abhängigkeit und Manipulation sind quasi in die Apps integriert, da es das Ziel der App-Entwickler ist, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. [1]

 

Die Entwickler wissen und nutzen unsere Verführbarkeit. Mit

  • Endlos-Feeds,
  • Auto-Play oder
  • dem Belohnungsprinzip (Herzchen und Likes)

haben sie unsere Aufmerksamkeit und somit auch uns am Haken. Stets auf der Suche nach Zerstreuung, Neuigkeiten oder Informationen sind wir gewissermaßen permanent auf Standby und reagieren dabei zunehmend auf Impulse und emotionale Reize von außen. Mit dem Resultat, dass es uns immer schwerer fällt, den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Was noch nie leicht war, denn als Aristoteles die „Enge des Bewusstseins“ erwähnte, musste er sich nicht mit WhatsApp & Co herumschlagen.

Ein unaufmerksames Leben im Standby-Modus

Was ist nun das Problem an diesem Standby-Modus? Es laugt aus. Bewusstsein verbraucht Energie.

Obwohl das Gehirn gerade mal zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht es 20 Prozent des Sauerstoffs und der Stoffwechselenergie. [2]

 

Die Aufmerksamkeitskapazität passt sich der Reizüberflutung leider nicht an – sie bleibt konstant. Wir können unsere Aufmerksamkeit zwar auf mehrere Dinge richten, doch je intensiver oder neuer der Reiz, desto mehr Aufmerksamkeit erfordert er. Zudem behindern sich verschiedene Wahrnehmungen, die gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit fordern, in ihrer Intensität.

Handelt es sich dabei allerdings um bekannte und wiederkehrende Prozesse, etwa beim Autofahren oder dem Weg zur Arbeit, können sie auch simultan ablaufen – oder anders formuliert: der Autopilot übernimmt das Ruder. Was dazu führt, dass wir uns gelegentlich fragen, wie genau wir nun eigentlich von A nach B gekommen sind, weil wir uns an nichts erinnern können.

Selektive Wahrnehmung – Fluch und Segen

Da unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, nehmen wir nicht alle Reize auf, sondern selektieren. Bewusst oder unbewusst. Diese selektive Wahrnehmung kann allerdings buchstäblich zum Selbstläufer werden, wenn wir nicht aufmerksam sind, da neue Informationen am liebsten dort andocken, wo bereits etwas vorhanden ist. Sprich: Wenn wir uns leidenschaftlich für das englische Königshaus oder News aus Hollywood interessieren, ist es wahrscheinlich, dass wir Informationen zu diesem Thema registrieren, während Neuigkeiten aus den Bereichen Steuerrecht oder Aquaristik unbemerkt an uns vorbeirauschen. Unsere selektive Wahrnehmung zieht also weitere Selektionen nach sich. Durch unsere Entscheidung, welchen Reizen und Informationen wir uns zuwenden und welchen eben nicht, prägen wir unsere kognitive Struktur. Und diese Struktur ist entscheidend daran beteiligt, wie wir unsere Realität (er)leben.

Runterfahren – das Smartphone und uns

Aufmerksamkeit ist sicher nicht das Allheilmittel für alle Probleme. Aber es ist ein Problem, wenn wir unsere Aufmerksamkeit ziellos umherstreifen lassen. Und derweil, weil wir völlig überfordert sind, immer öfter der Autopilot das Ruder übernimmt. Wollen wir unsere Lebenszeit wirklich so gestalten?

Klinken wir uns also hin und wieder aus, um den Geist zur Ruhe kommen zu lassen und uns unserer Aufmerksamkeit bewusst zu werden. Dazu müssen wir nicht stundenlang mit verknoteten Beinen auf einem Meditationkissen sitzen. Oder uns eine halbe Stunde in eine Rosine versenken, nur um dann festzustellen, dass wir eine Rosine essen – und keine Himbeere. Für den Anfang genügt es vielleicht, wenn wir unsere Disziplin herausfordern und uns regelmäßig, nur für eine Viertelstunde, dem Netz und allen Außenreizen entziehen. Damit unser Leben auch unser Leben bleibt und wir live dabei sind.

Quellen/verwendete Literatur:
[1] arte.tv: Slow Life (3/10) Hirnstatus: Offline
[2] Gerhard Roth: Das Gehirn und seine Wirklichkeit (Suhrkamp Verlag)

Fotocredits: iStock.com/chesiireCat


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Laura Stoiber

Mag. Laura Stoiber

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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